Yiquan Gongfa — 31 Formen 意拳功法
Eine Reihe aus der Familie
意拳功法三十一式, „31 Formen der Yiquan-Übungsmethode", ist ein kurzer Text von Wang Yufang, der zweiten Tochter Wang Xiangzhais. Er steht in dem Sammelband 意拳拳学, den sie 2002 herausgab (S. 149–161). Jede Form hat eine Nummer, ein Foto und wenige Sätze Anleitung. Ein Vorwort oder eine Gebrauchsanweisung hat der Text nicht.
Die Reihe ist ein Querschnitt durch das Yiquan: Gesundheitsstände (Yang Sheng Zhuang), Kampfstände (Ji Ji Zhuang) und bewegte Kraftübungen (Shili) stehen in einer Zählung beieinander. Und sie reicht über alle drei Körperlagen, stehend, sitzend und liegend (→ Zhuang Gong).
Wichtig für die Lektüre: Die Nummerierung ist kein Lehrplan. Wang Yufang sagt nirgends, in welcher Reihenfolge, wie lange oder für wen die Formen geübt werden sollen. Es gibt nur zwei Hinweise: Die Hunyuan-Form (Nr. 3) eigne sich für Kräftige, die Kraft aufbauen wollen, und beim Einbeinstand (Nr. 19) solle die Zeit die eigene Belastbarkeit nicht übersteigen.
Die sechs Gruppen
- Nr. 1–5, stehende Grundstände: 撑抱式 (stützen und umarmen, → Chengbao Zhuang), 浮托式 (schwebend tragen), 浑元式 (→ Hunyuan Zhuang), 矛盾式 (→ Maodun Zhuang), 扶按式 (stützen und drücken).
- Nr. 6, Gehen: 行走式, auch „Boot an Land" (陆上行舟).
- Nr. 7–10, vier Sitzformen (坐式 一 bis 四).
- Nr. 11–14, vier Liegeformen (卧式 一 bis 四).
- Nr. 15–23, stehende Kraft- und Kampfstände: 扶物式 (sich an etwas stützen), beidseitiges und einseitiges Ballreiben (双侧/单侧揉球), 丁八式, 金鸡独立 (der goldene Hahn auf einem Bein), 加力降龙 und 降龙式 (den Drachen bezwingen, groß und klein), 伏虎式 (den Tiger niederhalten), 举手式 (Hände heben).
- Nr. 24–31, bewegte Formen: 开合式 (öffnen und schließen), 分争式 (auseinanderstreben), 前后分水式 (Wasser teilen, vorn und hinten), 陆水行舟式 (Boot zu Land und zu Wasser), 蜻蜓点水 (die Libelle tupft aufs Wasser), 神龟出水 一 bis 三 (die göttliche Schildkröte steigt aus dem Wasser).
Die Grundform: stützen und umarmen
Die erste Form hat den längsten Text. Wang Yufang nennt sie das Grundgerüst (基本间架) des Stehens. Die Füße stehen schulterbreit und parallel. Die Fußsohlen bleiben hohl und drücken nicht in den Boden: „Wenn die Füße Kraft einsetzen, steht man unsicher." Das Gesäß sinkt, als säße man auf einem hohen Hocker; die Knie sind leicht gebeugt.
Die Hände kommen langsam vor die Brust, nicht höher als die Augenbrauen und nicht tiefer als der Nabel, etwa einen Fuß (尺, gut 30 cm) vom Körper entfernt. Die Handflächen zeigen nach innen wie um einen Ball, die Finger sind gespreizt und leicht gekrümmt, zwischen den Fingerspitzen beider Hände bleiben zwei bis drei Fäuste Platz. Die Schultern sind gelöst, die Ellbogen sinken (松肩坠肘), die Achseln sind halb hohl und die Arme halb rund (腋半虚,臂半圆).
Das Gesicht lächelt, ohne zu lächeln. Die Zähne liegen aufeinander, ohne zu beißen, der Mund ist einen Spalt offen, der Atem bleibt natürlich. Maßstab ist das Wohlbefinden. Der Blick geht in die Ferne, als läge leichter Nebel davor, oder die Augen schließen sich.
Dann folgt ein ausdrückliches Verbot: 切忌意守眉心. Die Aufmerksamkeit soll sich nicht auf den Punkt zwischen den Augenbrauen heften. Stattdessen lauscht man auf sehr ferne, sehr leise Geräusche, von nah nach fern, bis man nichts mehr hört. Dann stellt sich am Ohr ein Rauschen ein wie fallender Regen. Das, schreibt Wang Yufang, meinte ihr Vater mit 敛神听微雨: „den Geist sammeln und dem feinen Regen lauschen".
Sitzen und Liegen: Ruhe als Übung
Die Formen 7–14 sind die ruhigsten der Reihe. Gesessen wird aufrecht auf der Stuhlkante, die Knie etwa im rechten Winkel. Die Arme halten einen Ball (Nr. 7), die Hände ruhen neben dem Nabel (Nr. 8), sie liegen wie auf einer Wasserfläche, während die Beine nach vorn gestreckt sind (Nr. 9), oder die Arme öffnen sich zur Seite (Nr. 10). Wer müde wird, legt die Hände auf die Oberschenkel.
Gelegen wird auf dem Rücken mit angestellten Knien und erhobenen Armen (Nr. 11, 12), auf dem Rücken mit gestreckten Beinen und den Händen auf dem Bauch (Nr. 13) oder auf der rechten Seite (Nr. 14). Mehr dazu unter Wo Zhuang.
Die Bilder sind Landschaften und Geräusche: hundert Vögel, grüne Berge und Wasser, im Boot sitzen, Frühlingswind (Nr. 7); ein Mond hoch am Himmel und ferner Gesang (Nr. 8); ein warmes Wasserbecken, Wind in den Blättern, Wasser, das von der Dachtraufe tropft (Nr. 14). Für abschweifende Gedanken gibt Nr. 8 eine Regel, die weit über das Sitzen hinaus taugt:
听之任之,来者不拒,去者不留 — Lass sie gewähren: Was kommt, weise nicht ab; was geht, halte nicht fest.
Die Formen 13 und 14 enden ausdrücklich im Einschlafen. Hier zeigt sich am deutlichsten, dass die Reihe auch eine Gesundheitsmethode ist.
Übergang: stützen und lösen
Form 15 (扶物式) steht zwischen Ruhe und Kraft. Die Hände stützen sich an einen Gegenstand, eine oben, eine unten. Die Füße stehen im Dingba Bu, die hintere Ferse ist leicht gehoben; bei Ermüdung wechselt man die Seite. Die Augen sind geschlossen, die Füße stehen wie auf Baumwollballen.
Dann folgt die einzige ausgeführte Anleitung zum Lösen in der ganzen Reihe. Man lockert der Reihe nach von oben nach unten: Nacken, Schultern, Oberarme, Handgelenke, Hände, Brust und Rücken, Taille und Bauch, Hüften, Beine, Füße bis in die Zehen. Danach beginnt man wieder von vorn, „langsam und aufmerksam, nur nicht ungeduldig" (万勿急躁). → Fang Song
Stände mit Kampfcharakter
In den Formen 16–23 wird die Sprache straffer. An die Stelle der Landschaften tritt „Geist gesammelt" (精神集中).
- Ballreiben (Nr. 16, 17): Die Hände spielen mit einem schwebenden Ballon, der ihnen entwischen will; der ganze Körper folgt ihm, vor und zurück. Gesucht ist ein Zustand, der „sich bewegen will und doch anhält, anhalten will und doch sich bewegt" (欲动又欲止,欲止又欲动).
- 丁八式 (Nr. 18) gibt die genaueste Beinanweisung der Reihe, die drei Klemmen und zwei Spitzen (三夹两顶). Es klemmen die Oberschenkelwurzeln, die Kniekehlen und die Fußknöchel; es drücken die Kniescheiben und die Zehen. Der Schritt ist gestützt (撑裆), die Knie streben auseinander. Der vordere Fuß setzt auf, die Ferse leicht gehoben; das hintere Bein trägt, vier zu sechs oder drei zu sieben.
- 金鸡独立 (Nr. 19): Man steht auf einem gebeugten Bein. Das andere ist angehoben, der Fuß stößt nach außen, die Zehen sind zurückgezogen; Gesäß und Ferse des Standbeins bilden eine Linie. Die Arme liegen flach vor der Brust: „drei Teile stützen, sieben Teile umarmen" (三分撑七分抱).
- 加力降龙 und 降龙式 (Nr. 20, 21): Großer Schritt, der Körper neigt sich nach vorn, das vordere Bein ist gebeugt, das hintere gespannt. Eine Hand schiebt nach vorn, die andere drückt hinten nach unten. Der Kopf dreht sich zurück, der Blick geht zum „Tigermaul" (虎口, dem Bogen zwischen Daumen und Zeigefinger) der hinteren Hand. Nr. 21 ist dieselbe Form mit kleinerer Bewegung, „aber mit vollem Geist" (神意要足). → Xiang Long Zhuang
- 伏虎式 (Nr. 22): Großer Schritt, vier zu sechs, die Hände über den Knien, „als packe man einen Tiger": links greifen, rechts niederdrücken. Der Kopf führt den ganzen Körper. → Fu Hu Zhuang
- 举手式 (Nr. 23) beschreibt die inneren und äußeren drei Harmonien. Innen vereinen sich Herz, Absicht und Kraft, außen Hand und Fuß, Knie und Hüfte. Dazu kommen drei elastische Verbindungen „wie ein Gummiband" (松紧带): kleiner Finger und Zehen, Ellbogenspitze und Kniescheibe, Schulter und Hüfte. Die Beine stehen, als wären sie von Holzstangen gestützt. Auffällig: Wang Yufangs innere Harmonie kommt ohne Qi aus. → Sechs Harmonien
In Bewegung
Die letzten acht Formen haben den Charakter des Shili: langsame Bewegung, in der die Kraft geprüft wird.
- 开合式 (Nr. 24): Der Ellbogen führt die Hand beim Öffnen und Schließen, die Finger haken nach innen, als zögen sie an einer Feder. Zwischen den Händen bleibt eine Spannung; die Handflächen liegen an einer Kugel und halten dem Drücken und Pressen stand. „Mit der Zeit sucht man im Leeren das Feste."
- 分争式 (Nr. 25) fasst das Prinzip der Gegenkraft am schärfsten. Zieht die Hand zurück, geht die Kraft weit hinaus; zieht sie nach vorn, kommt die Kraft zurück. „Überall im Körper gibt es Gegenkraft" (逆力). Beim Bewegen stellt man sich selbst einen Widerstand vor, bis alle großen und kleinen Gelenke gegeneinander streben: 在多种力量的分争中,求统一, „im Widerstreit vieler Kräfte die Einheit suchen". → Zheng Li
- 前后分水式 (Nr. 26): Mit den Handflächen nach vorn teilt man das Wasser vorn. Mit den Handflächen nach hinten, Daumen nach unten, dreht der Ellbogen den Unterarm zurück und teilt das Wasser hinten. Ruhig und langsam, „wie Schwimmen".
- 陆水行舟式 (Nr. 27) ist ein Schritt wie im Mocabu. Der hintere Fuß löst sich „wie aus Schlamm", das Fußgelenk wie von Wasserpflanzen gehalten. Vorn gleitet die Sohle flach über den Boden, als rolle sie einen kleinen Ball. Das Knie führt, der Fuß folgt; „die Taille wie eine Radachse, die das hintere Bein mitnimmt".
- 蜻蜓点水 (Nr. 28): Die Arme öffnen sich schräg aus der Federkraft der Hände, der Fuß geht im Maß der Armbewegung mit. Ein Fuß ist immer voll, der andere leer (一实一虚).
- 神龟出水 (Nr. 29–31) sind drei Phasen einer Bewegung; man steht wie im Wasser. Erst zieht sich der Körper zusammen, die Arme heben sich rund, das Gewicht geht aufs hintere Bein. Dann rollt sich der Körper ein und richtet sich von der Taille aus spiralig auf, „wie ein Drache, der aus dem Wasser steigt" (如龙出水) – alle Gelenke zugleich, das Gewicht nach vorn, die Arme gegen den Körper. Zuletzt, vier zu sechs, drücken die Hände einen Ball auf der Wasserfläche, der Kopf führt das Heben und Senken, der Blick geht aufs weite Meer. Trotz des Drachenbilds heißt die Übung Schildkröte, wie in den anderen Linien auch.
Was die Reihe zusammenhält
Über alle sechs Gruppen hinweg kehren dieselben Werkzeuge wieder.
- Wasser und Ballon. In mehr als einem Dutzend Formen trägt man einen Ballon, drückt einen Ball ins Wasser, steht im Wasser, schwimmt oder rudert ein Boot. Das Wasser gibt dem Körper einen Widerstand, den es in Wirklichkeit nicht gibt. Darin liegt der Kern der Vorstellungsarbeit (→ Yi).
- „So, aber nicht ganz". 似笑非笑 (lächeln und doch nicht), 似夹非夹 (klemmen und doch nicht), 似曲非弯 (gebeugt und doch nicht geknickt). Kein Zustand wird festgehalten.
- 用意不用力, die Absicht einsetzen, nicht die Kraft. Dann „ist die Kraft da, wo die Absicht hinkommt" (意到力即到, Nr. 9).
- Der Kopf führt den ganzen Körper (Nr. 22, 24, 27, 31).
- Das Gummiband (松紧带) zwischen den Händen (Nr. 8, 11) und zwischen den Gliedern (Nr. 23): eine Spannung, die nachgibt, statt einer starren Haltung. → Song-Jin-Dialektik
Einordnung
Dass Gesundheits- und Kampfformen in einer einzigen Zählung stehen, passt zum Grundsatz Ji Yang Yi Ti: Üben und Nähren gehören zusammen. Die Dreiheit von Stehen, Sitzen und Liegen findet sich ebenso in den Lehrfilmen Yao Chengguangs, also in einer anderen Linie; auch viele Namen kehren dort wieder (撑抱, 扶按, 降龙, 伏虎, 神龟出水). Die Reihe ist damit keine Sonderlehre, sondern eine eigene Ordnung bekannten Materials, aus der Familie des Begründers.
Ein vollständiges Lehrbuch ist sie nicht. Die Anleitungen sind knapp und setzen einen Lehrer voraus, und die Fotos zeigen die Endhaltung, nicht den Weg dorthin.