Song-Jin-Dialektik 松紧
Kein Zustand, sondern ein Wechsel
Song (松) heißt „locker", Jin (紧) heißt „gespannt". Die beiden Zeichen stehen im Yiquan fast immer zusammen, weil keines ohne das andere gemeint ist. Die Übung zielt nicht auf einen der beiden Zustände, sondern auf den Übergang zwischen ihnen, das 松紧转换 (Wechsel von Song und Jin).
Yao Chengguang fasst das für den Partnerkontakt in einen Satz: „Bist du schlaff, geht es nicht; bist du zu gespannt, kannst du nicht wechseln." Und er vergleicht den geübten Körper mit einer Fahne im Wind: von weitem unbewegt, innen aber in schnellem, ständigem Wechsel zwischen Lösen und Spannen. Song/Jin ist damit weniger eine Haltung als eine Wechselgeschwindigkeit.
Der Grundwiderspruch der Bewegung
Bo Jiacong, ein Schüler Yao Zongxuns, geht noch weiter: „Song und Jin sind der grundlegende Widerspruch, aus dem die Bewegung des Menschen besteht." Kraft, Schnelligkeit, Gewandtheit, Koordination und Ausdauer ließen sich alle auf diesen Wechsel zurückführen. Das ganze Training sei am Ende die Frage, Song und Jin richtig zu beherrschen.
Entscheidend ist dabei, wo der Wechsel beginnt. Nach Bo Jiacong zuerst im Kopf: Der Geist steuert den Nerv, der Nerv den Muskel. Daher auch das 意 im Namen des Yiquan. Das Maß gibt ein Merkvers vor: „松紧紧松勿过正,虚实实虚得中平" — Lösen und Spannen nie übertreiben, Leeres und Volles im Gleichgewicht halten. Oder kürzer: entspannt, ohne zu erschlaffen; gespannt, ohne zu erstarren (松而不懈,紧而不僵).
Gegen die Gewohnheit verteilt
Im Alltag und im üblichen Krafttraining arbeitet der Körper meist oben fest und unten locker: Die Schultern ziehen hoch, die Arme packen zu, die Beine tragen passiv mit. Yu Yong Nian beschreibt die Verteilung im Stehen genau umgekehrt:
- oben gelöst, unten gespannt;
- Schulter und Arm gelöst, das Bein arbeitet;
- die Brust gelöst, der Bauch gespannt;
- der Rücken gelöst, die Hüfte gespannt;
- die Form gelöst, der Geist gespannt.
Die letzte Zeile ist die wichtigste. Sie steht auch als eigene Formel in der Überlieferung: 身松意紧, der Körper locker, die Absicht wach. Song/Jin ist also nicht nur ein Wechsel in der Zeit, sondern auch eine Verteilung im Raum: Was in der einen Körperzone gespannt ist, ist in der anderen gelöst.
Wie man es übt
Im Stehen. Yu Yong Nian baut den Wechsel schrittweise auf: erst eine einzelne Muskelgruppe, etwa die Wade, bewusst spannen und lösen; dann beide Beine, abwechselnd und gleichzeitig; dann die Arme; zuletzt Rumpf, Arme und Beine zugleich, mit gegenläufigen Kraftrichtungen. Das ist sein eigenes Lehrmodell der „zweiten Kinetik" (→ Zwei Kinetiken), physiologisch eine Übungsanleitung, keine Muskelklassifikation.
Im Tasten. Beim Mo Jin ist der Wechsel schon in der Grundform angelegt. Andrzej Kalisz nennt die Bewegungsphase mit dem vorgestellten Widerstand 紧, obwohl man dabei fast entspannt bleibt, und den Stopp 松: Im Stopp verschwinden alle Kräfte, dann tauchen neue auf.
In den Verbindungen. Die inneren Verbindungen durchlaufen drei Stufen: eine Verbindung erst spüren, dann entspannt arbeiten lassen, schließlich gespannt aktiv drücken und ziehen, im Wechsel mit Entspannungsphasen. Das ist Song/Jin, an einem einzelnen Körperpaar geübt.
Mit der Stimme. Im Shi Sheng gilt die Regel 松多紧少: überwiegend weich üben, nur wenige harte Stöße, und nach jedem Stoß sofort wieder lösen.
Wohin es führt
Im Fa Li zeigt sich der Wechsel am deutlichsten. Die Kraftausgabe ist ein kurzer Moment Jin zwischen zwei Song-Phasen: sammeln, entladen, sofort zurück in die Entspannung. Wer nach dem Stoß gespannt bleibt, ist für die nächste Bewegung zu langsam.
Im Tuishou wird der Wechsel zur Wahrnehmung. Nur wer lösen kann, spürt die Kraft des Partners (Ting Jin); nur wer schnell genug wieder spannt, kann ihr etwas entgegensetzen. Das Taijiquan kennt dafür das Paar Stützen und Nachgeben (→ Peng und Lü); im Yiquan heißt es 松紧转换.
Dialektik ohne Metaphysik
Song und Jin sind das anschaulichste Yin-Yang-Paar des Yiquan: gegensätzlich, aufeinander angewiesen, ständig ineinander übergehend. In der Entspannung steckt schon die Spannung, in der Spannung schon die Entspannung. Das Yiquan übernimmt davon die Struktur und lässt die Kosmologie weg (Entmystifizierung). Übrig bleibt eine Beschreibung dessen, was ein Muskel und ein Nervensystem tatsächlich tun.
Abgrenzung
- Fang Song ist die Fähigkeit zu lösen, ohne zu erschlaffen. Sie ist die Voraussetzung: Wer nicht lösen kann, kann auch nicht wechseln.
- Entspannung (Song) ist das allgemeine Prinzip, mit dem das Training beginnt.
- Song/Jin ist der bewusste Wechsel selbst, im Stand, in der Bewegung und im Kontakt.