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Methode · Stufe 2

Mo Jin 摸劲

mō jìn
Kaum sichtbar bewegt sich der Körper im Stand und ertastet den Widerstand eines vorgestellten Baums — in fünf Stufen bis zu allen Richtungen zugleich.

🎨 Interaktive Demo: Zu diesem Begriff gibt es auch eine Konzept-Analogie, in der man den vorgestellten Baum in alle sechs Richtungen abtastet — Mo Jin als Artefakt. Diese Seite ist der Text dazu.

Tasten, nicht greifen

Mo Jin (摸劲) heißt wörtlich die Kraft ertasten. 摸 ist das Tasten im Dunkeln: vorsichtig, aufmerksam, ohne zu wissen, was man findet. Ertastet wird kein Gegenstand, sondern die eigene Propriozeption und der Widerstand zwischen Körper und einer vorgestellten Umgebung. 劲 meint dabei nicht die rohe Muskelkraft, sondern die elastische Gegenkraft (Zheng Li), die der ganze Körper zugleich aufbaut.

Die Übung selbst ist schlicht. Man steht im Hunyuan Zhuang, umarmt einen vorgestellten Baum und bewegt sich so wenig, dass es von außen kaum zu sehen ist: ziehen, schieben, öffnen, schließen, heben, senken. Jede Richtung trifft auf den Widerstand des Baums. Diesen Widerstand zu spüren, ist die ganze Aufgabe. Andrzej Kalisz nennt dieselbe Übung Mo Li (摸力) und beschreibt sie als Tasten mit geschlossenen Augen.

Wer dabei die Muskeln anspannt, tastet nicht mehr, er greift. Dann ist der Widerstand weg, weil man ihn mit eigener Kraft übertönt.

Zwischen Stehen und Bewegung

Mo Jin ist der Übergang zwischen dem Zhan Zhuang und dem Shili. Kalisz fasst den Unterschied in einem Bild: Im Mo Jin ist die Bewegung ein einziger Punkt aus der ganzen Strecke, im Shili geht es Punkt für Punkt weiter. Mo Jin prüft also, ob die im Stand aufgebaute Kraft schon die kleinste Bewegung übersteht. Shili prüft es danach für den ganzen Weg.

Geübt wird es nicht erst im Kampfstand. In der Zongxun-Linie gehört es auch in die Gesundheitsstände, dort nur sehr entspannt und mit der Vorstellung von Wasser statt eines Gegners.

Fünf Stufen

Die Übung wird in fünf Stufen aufgebaut:

  • 1 · Vor und zurück — den Baum zu sich ziehen, von sich wegschieben.
  • 2 · Öffnen und schließen — den Baum auseinanderziehen, zusammendrücken.
  • 3 · Heben und senken — den Baum aus der Erde ziehen, tiefer hineindrücken.
  • 4 · Gemischt (Da Luan Cheng Xu) — die Richtungen frei und ohne feste Reihenfolge wechseln. Angesetzt nach rund zehn Monaten Grundpraxis.
  • 5 · Alle zugleich (Liu Mian Li Tong Shi) — alle sechs Richtungen gleichzeitig halten, ohne noch zwischen ihnen umzuschalten.

Die vierte Stufe begründet Yao Chengguang mit dem Kampf: „In Kämpfen sind die Kräfteveränderungen extrem schnell. Wenn man Mo Jin nur in festgelegter Reihenfolge übt, kann man sich schwer an wechselnde Bedingungen anpassen." Wer die Richtungen immer in derselben Folge übt, trainiert die Folge mit. Erst der freie Wechsel trennt die Fähigkeit vom Ablauf. Die fünfte Stufe geht einen Schritt weiter: Wer umschaltet, braucht dafür einen Augenblick, und im Kontakt ist dieser Augenblick die Lücke.

Wie klein die Bewegung ist

Kalisz gibt Maße. Der Schwerpunkt wandert nur zwischen etwa 55/45 und 45/55, das sind rund zwei Zentimeter. Kraft und Tempo bleiben über diesen ganzen Weg gleich. Im Stopp verschwinden die Kräfte, dann tauchen neue auf.

Anfänger bewegen sich meist deutlich mehr. Trotzdem soll man den Weg nicht zu früh verkürzen: Wer unter zwei Zentimetern beginnt, spürt später die Nebenrichtungen nicht mehr, die sich zur Hauptrichtung hinzugesellen. Die Reihenfolge im Kopf ist dabei immer dieselbe: erst die Idee, dann das Gefühl, erst zuletzt die Bewegung. „Ich bewege mich nicht — eine äußere Kraft bewegt mich."

Wang Xiangzhai ordnet die Bewegungsgrößen in einer Formel: Große Bewegung ist schlechter als kleine, kleine schlechter als die kriechende Mikrobewegung (蠕动). Die verbreitete Fassung „…schlechter als keine Bewegung" weist er selbst als Hörfehler zurück: „Wie soll man mit Unbeweglichkeit jemanden schlagen?" Stehen bleibt also nie tot stehen (→ Bu Dong Zhi Dong).

Die pulsierende Absicht

Die Vorstellung wird nicht festgehalten, sondern pulsiert. Man denkt kurz an den Widerstand, der Körper antwortet mit einem schwachen Impuls, und die Absicht wird sofort wieder zurückgenommen, um das Nachklingen zu spüren. Wenn es fast verschwunden ist, lässt man sie erneut aufsteigen. Nach der Begründung der Linie bleibt die Aufmerksamkeit so lange wach, ohne zu ermüden.

Wang fasst die richtige Dosis in ein Bild: Man hält einen kleinen Vogel in der Hand. Mit zu viel Kraft zerdrückt man ihn, mit zu wenig fliegt er davon. Hält man die Vorstellung zu fest und zu lange, erstarren die Muskeln. Die Überlieferung nennt das Anhaften (执着) und warnt, man trainiere dann „tote Muskeln".

Drei Ebenen des Tastens

Neben den fünf Stufen der Richtungen beschreiben die Quellen drei Ebenen dessen, wonach getastet wird:

  • Den Körper finden. Die Kraft von Haut, Fleisch, Sehnen und Knochen spüren. Anfangs melden sich Ziehen, Wärme, Taubheit oder Schwellung; das ist normale Anpassung. Stechender Schmerz in einem Gelenk gehört nicht dazu, er zeigt eine Fehlhaltung an.
  • Die Umgebung finden. Die Kraft vorgestellter Dinge ertasten: den Auftrieb und den Widerstand des Wassers, den Ballon zwischen den Armen.
  • Das Hunyuan finden. Die sechsseitige Gegenkraft gleichzeitig, der Körper wie „ein Reifen voller Hochdruckgas, der bei jeder Berührung reagiert" (→ Hun Yuan Li).

Eine nützliche Illusion

Beim Mo Jin entsteht oft das Gefühl, eine Energie bewege den Körper. Kalisz nennt das eine bewusst genutzte Illusion und vergleicht sie mit dem stehenden Zug, der scheinbar losfährt, wenn der Nachbarzug anfährt. Das Gefühl hilft, Vorstellung und Körper zu koordinieren, solange man weiß, was es ist. Wer es für wirkliche Energie hält, lässt sich leicht durch eingeredete Empfindungen täuschen (Entmystifizierung).

Wohin es führt

  • Ins Shili: Ohne das Tasten im Stand wird Shili zur hohlen Gymnastik.
  • Ins Fa Li: Die Kraftausgabe beruht auf der Gegenkraft, die im Stand durch Mo Jin aufgebaut wurde.
  • Ins Tuishou: Das Hören der gegnerischen Kraft (Ting Jin) ist derselbe geschärfte Tastsinn, jetzt an einem Menschen statt an einem vorgestellten Baum.

Im Kampfstand (Ji Ji Zhuang) wechselt schließlich das Objekt der Vorstellung: statt Wasser und Ballon wilde Tiere und starke Gegner. Getastet wird dann nach einer Kraft, die bei Berührung sofort antwortet.