Hun Yuan Li 混元力
🎨 Interaktive Demo: Zu diesem Begriff gibt es auch eine Konzept-Analogie mit der Kugel, auf die man von allen Seiten drücken kann — Hun Yuan Li als Artefakt. Diese Seite ist der Text dazu.
Die Kraft, die man nicht als Kraft spürt
Hun Yuan Li (混元力) ist die Zielkraft des Yiquan: die Kraft des ganzen Körpers, elastisch und in jede Richtung zugleich verfügbar. 混元 heißt „ursprüngliche Einheit". Gemeint ist ein Körper, in dem kein Teil für sich arbeitet.
Ein überliefertes Merkwort erklärt den Namen über eine Eigenschaft, die man selbst prüfen kann: „不觉其力也,故谓之浑元" — weil man sie nicht als Kraft spürt, heißt sie hunyuan. Wer beim Üben Anstrengung bemerkt, arbeitet noch mit einzelnen Muskeln. Joseph P. Lau übersetzt den Begriff deshalb als balanced force, als ausgeglichene Kraft.
Wang Xiangzhai stellt sie an den Anfang von allem: „Die ganzheitliche Kraft ist die Grundlage des Kampfkunstlernens. Ohne diese Grundlage ist es unmöglich, das Wesen des Yiquan wirklich zu beherrschen."
Das Mittel heißt Zheng Li
Wie diese Kraft entsteht, sagt Wang 1928 genau: „In der Bewegung haben alle großen und kleinen Gelenke stets die zwei entgegengesetzten Kräfte — aufwärts und abwärts, vorwärts und rückwärts oder links und rechts; nur dann erlangt man die Hunyuan-Kraft des ganzen Körpers."
Das Mittel ist also die Gegenkraft Zheng Li: gleichzeitig wirkende, einander entgegengesetzte Kraftpaare. Hun Yuan Li ist das Ergebnis, wenn alle drei Achsen zugleich im Gleichgewicht stehen, oben gegen unten, vorn gegen hinten, links gegen rechts (六面争力).
Fünf Qualitäten, eine Kraft
In seinem ersten Buch beschreibt Wang die Hun Yuan Li über die fünf Elemente, gelesen als fünf Qualitäten, die der Körper gleichzeitig haben soll:
- Metall — Knochen und Muskeln hart wie Eisen, Haut und Fleisch weich wie Baumwolle. Die tragende Struktur gibt nicht nach, die Oberfläche schon.
- Holz — alle Knochen gebogen und zugleich gerade, wie ein Baum, der Last über eine leichte Krümmung trägt. Nichts ist durchgestreckt, nichts eingeknickt.
- Wasser — Bewegungen wie ein fließender Drache: ohne feste Bahn, die Kraft sucht sich ihren Weg (Shun Li Ni Xing).
- Feuer — die Hände gehen aus wie eine Explosion. Das ist die einzige zeitliche Qualität, die plötzliche Freisetzung (Fa Li).
- Erde — der ganze Körper rund, schwer und fest, keine Stelle leer oder ausgespart.
Das sind keine Techniken und keine Reihenfolge. Jede Handlung soll alle fünf zugleich tragen. 1939 zieht Wang selbst den Schluss: Er zählt die fünf Kräfte einzeln auf und endet mit „aber eigentlich ist es nur eine einzige widersprüchliche Kraft". Die Fünferteilung ist also eine Zerlegung zum Lernen, keine Kosmologie (Wuxing, Entmystifizierung).
Warum man ihr von außen nichts ansieht
Die sechsseitige Gegenspannung ist ein inneres Kraftpaar: Beuger und Strecker arbeiten leicht gegeneinander. Nach außen hebt sich das auf, der Schwerpunkt bewegt sich nicht. Was entsteht, ist keine Bewegung, sondern Vorspannung, der „pralle Ball".
Als Kraft ausgeliefert wird diese Vorspannung erst über die Bodenreaktion (Actio und Reactio): 力从足生, die Kraft entsteht am Fuß. Diese Trennung erklärt zwei Beobachtungen auf einmal: dass man einem guten Stand von außen nichts ansieht, und dass im Kontakt trotzdem etwas ankommt.
Viele Namen für dieselbe Sache
Yao Chengrong stellt drei Begriffe ausdrücklich gleich. Was das Yiquan hunyuanli nennt, sei nichts anderes als das im Wushu übliche neili (内力, innere Kraft), und es entspreche der heli (合力, „vereinte Kraft") des Taijiquan. Sein Kommentar: „Viele Worte für dasselbe." Innere Kraft bestimmt er dabei als Zusammenwirken von Geist, Vorstellung (Yi Nian) und Natürlichkeit, nicht als bloßes Qi.
Nah verwandt ist Zheng Ti Li (整体力) aus der Yao-Zongxun-Linie. Beide meinen die ganz integrierte Körperkraft, betonen aber Verschiedenes: Zheng Ti Li die strukturelle Einheit ohne Bruchstellen, Hun Yuan Li die Verfügbarkeit in jede Richtung.
Wie sie aufgebaut wird
- Im Zhan Zhuang entsteht sie im fast unbewegten Stand. Yao Chengguang: „Im echten Zhan Zhuang suchen wir die Hunyuan-Kraft." Geübt werden dabei alle Richtungen, auch die schrägen, „eins nach dem anderen, nach Programm".
- Im Mo Jin und im Shili lernt man, sie in Bewegung zu halten, ohne dass die Kugel eine Delle bekommt.
- Im Fa Li wird sie freigesetzt. Das Stehen allein erzeugt noch keine Explosivkraft; die Freigabe ist eine eigene Stufe.
Die Vorstellung (Yi) baut den Druck auf, die Entspannung lässt ihn frei. Und die Vorstellung soll dabei weit hinausgehen, nicht am Körper haften: je weiter, sagt Yao Chengguang, desto natürlicher fühlt sich der Körper an.