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Prinzip · fundamental

Fang Song 放松

fàng sōng
Nicht alles loslassen, sondern die überflüssige Spannung weglassen: warum Fang Song im Yiquan zuerst kommt und woran man merkt, dass es gelingt.

Weglassen, nicht loslassen

Fang Song (放松) heißt wörtlich „lockerlassen". Im Yiquan ist damit eine bestimmte Art der Entspannung gemeint, und Yao Zongxun stellt sie an den Anfang von allem: „Ohne Fang Song gibt es kein Yiquan." An ihr entscheide sich, ob das Können echt oder falsch ist.

Gemeint ist nicht, alles fallen zu lassen. Andrzej Kalisz beschreibt Entspannung als das Entfernen der unnötigen Spannung: Die Muskeln arbeiten weiter, nur weniger als gewohnt. Wer im Zhan Zhuang steht, braucht Kraft, um nicht umzufallen. Alles, was darüber hinausgeht, stört.

Wang Xiangzhai beschreibt den Zustand mit zwei Bildern: außen weich „wie mit Wasser vermengtes Mehl, wie der Körper eines Neugeborenen", innen lebendig und gefüllt. Weich ist also die Oberfläche, nicht die Struktur.

Zwischen schlaff und starr

Fang Song liegt zwischen zwei Fehlern. Zu viel Loslassen macht schlaff (松软): Der Körper sackt zusammen, die Gelenke tragen die Last ungeschützt. Zu viel Festhalten macht starr (僵死): Die Muskeln blockieren einander. Die Formel dafür lautet „entspannt, aber nicht schlaff; fest, aber nicht steif" (松而不懈,紧而不僵).

Die Überlieferung sagt es auch als Bild vom Körper: Die Knochen stützen, das Fleisch hängt wie fließendes Wasser. Und in der Übung ist Fang Song der entspannte Tiger, der in der Sonne liegt, äußerlich locker, innerlich jederzeit bereit.

Warum Fang Song zuerst kommt

Yao Zongxun nennt drei Faktoren, die im Stehen nicht voneinander zu trennen sind: Fang Song, die gerichtete Absicht (Yi Nian) und die richtige Haltung. Fang Song ist dabei die Bedingung für die beiden anderen. Seine Begründung ist schlicht: „Wenn du verspannt bist, geht dein Geist nie durch deinen Körper. Nicht in einem ganzen Leben." Die Vorstellung kann nur lenken, was sich lenken lässt.

Fehlt die Entspannung, kippt das Stehen ins Gegenteil: „Hältst du die Zhan-Zhuang-Stellung ohne Fang Song und Yi Nian, können schon fünf Minuten sehr ermüdend sein, und statt Freiheit zu finden, baust du dir einen körperlichen und geistigen Käfig."

Ohne Fang Song gibt es auch keine Ganzkörperkraft (Hun Yuan Li). Wo ein Muskel gegen den anderen arbeitet, zerfällt die geformte Kraft wieder in rohe Muskelkraft (→ Jin, Li und Qi).

Wie man hinkommt

Die Chen Akademie und Yu Yong Nian beschreiben unabhängig voneinander dieselben sechs Wege:

  • Mentale Entspannung vor dem Stehen: sich bewusst sammeln.
  • Ein entspanntes Gesicht: fast lächeln, aber nicht wirklich.
  • Über das Ausatmen: alle paar Minuten zwei, drei tiefere Atemzüge; mit dem Ausatmen lösen sich die Schultern.
  • Sanfte Mikrobewegung: winzige Bewegungen von zwei bis fünf Millimetern zeigen, wo noch überschüssige Spannung sitzt, und lösen sie.
  • Aktive Haltungsanpassung: bei Kribbeln oder Druck die Haltung selbst leicht verändern.
  • Passive Haltungsanpassung: der Lehrer stützt, berührt oder schaukelt sanft.

Dazu kommen Bilder: ein Garten, warmer Wind auf der Haut, im Wasser schweben, eine warme Dusche. Kalisz nennt sie Werkzeuge, die man später nicht mehr braucht: „Je tiefer man kommt, desto weniger braucht man sie." Eigene Bilder sind ausdrücklich erlaubt. Gegen die Gedankenflut empfiehlt Wang, jeden Gedanken wie eine Schneeflocke in einen Topf heißen Wassers fallen zu lassen: Je stärker der Gedanke, desto schneller schmilzt er.

Yu Yong Nian betont, dass das kein passives Abschalten ist. Entspannung im Stehen entsteht aus aufmerksamem Beobachten des eigenen Körpers, Stelle für Stelle.

Was dabei im Körper geschieht

Für den Skelettmuskel gibt es keinen eigenen „Entspannungsnerv". Die Muskelspannung wird zum Teil über das vegetative Nervensystem mitgeregelt, und zwar über den Sympathikus, der bei Belastung den Tonus hebt. Lockerer wird der Muskel, wenn diese Alarmbereitschaft nachlässt, nicht indem etwas zugeschaltet wird (→ Vegetatives Nervensystem).

Genau das passt zur Anweisung des Yiquan: nicht mehr tun, sondern weniger stören. Auch der Hebel über das Ausatmen hat hier seine Entsprechung: Beim Ausatmen sinkt der Puls, beim Einatmen steigt er wieder.

Woran man merkt, dass es stimmt

  • Der Körper fühlt sich schwer und voll an, wie mit Blei gefüllt, und trotzdem nicht müde.
  • Man hat das Gefühl, im Stand zu sitzen, getragen von der Vorstellung wie von einem Stuhl.
  • Bewegung fühlt sich an wie Schwimmen in Luft.
  • Schmerz ist kein Zeichen von Fortschritt, sondern ein Hinweis auf Spannung, Blockade oder eine Fehlhaltung. Dann wird die Haltung korrigiert, nicht ausgehalten.

Fang Song, Song und Song/Jin

Im Glossar stehen drei Begriffe nebeneinander, die leicht verwechselt werden:

  • Entspannung (Song, 松) ist das allgemeine Prinzip, mit dem das Training beginnt, samt den sechs Wegen dorthin.
  • Fang Song ist die Qualität, die dabei entstehen soll: gelöst ohne Erschlaffen, die Voraussetzung für Yi Nian und Ganzkörperkraft.
  • Song/Jin (松紧) ist der bewusste Wechsel zwischen Lösen und Spannen. Er setzt Fang Song voraus: Wer nicht lösen kann, kann auch nicht wechseln.

Yao Chengguang fasst das für den Partnerkontakt in einen Satz: „Bist du schlaff, geht es nicht; bist du zu gespannt, kannst du nicht wechseln."

Im Kontakt

Im Tuishou zeigt sich, wozu Fang Song dient. Nur ein entspannter Körper nimmt die feinen Kraftänderungen des Partners überhaupt wahr (Ting Jin); wer verspannt ist, spürt vor allem die eigene Anstrengung. Und nur wer nicht festhält, kann einem Angriff nachgeben und ihn im selben Moment umlenken (Shun Li Ni Xing). Weil die Kraft nicht erst aus einer Verkrampfung gelöst werden muss, antwortet der Körper schneller.