Sechs Harmonien 六合
Sechs Paare, eine Einheit
Die Sechs Harmonien (六合, liù hé) beschreiben in sechs Paaren, wie Geist und Körper zusammenarbeiten sollen. Sie teilen sich in zwei Gruppen zu je drei (三合):
- Die drei inneren (内三合): Herz und Absicht (心与意), Absicht und Qi (意与气), Qi und Kraft (气与力). Zusammen eine Kette: Das Herz führt die Absicht, die Absicht das Qi, das Qi die Kraft.
- Die drei äußeren (外三合): Hand und Fuß (手与足), Ellbogen und Knie (肘与膝), Schulter und Hüfte (肩与胯, → Kua).
Dieselbe Einteilung nennt auch die allgemeine Darstellung des Xingyiquan. Die Tabelle beruht also nicht nur auf Quellen aus dem Yiquan selbst.
Im Namen verankert
Wie tief die Harmonien in der Überlieferung sitzen, zeigt ein Name. Die Kunst Ji Jikes, aus der das Xingyiquan hervorging, hieß vollständig 心意六合拳: Herz-Absicht-Sechs-Harmonien-Faust (→ Xinyiquan). Die sechs Harmonien waren also kein Zusatz, sondern Teil der Bezeichnung.
Die Namensfolge des Yiquan streicht sie Schritt für Schritt: aus 心意六合拳 wird 形意拳, aus 形意拳 wird bei Wang Xiangzhai 意拳. Übrig bleibt allein die Absicht (意). Das passt zu dem, was Wang inhaltlich mit den Harmonien macht: Er behält sie als Beschreibung, aber nicht mehr als Programm.
Was Wang darunter verstand
In seinem ersten Buch von 1928 nennt Wang die Sechs Harmonien noch ausdrücklich und definiert sie über das, was ihnen widerspricht: „Keine Bewegung und keine Haltung, die diesen Harmonien entgegensteht — das heißt Harmonie." Harmonie ist also kein Kunststück, das man hinzufügt, sondern die Abwesenheit von Widersprüchen im Körper.
Er kennt dabei eine zweite Einteilung, die ganz andere Paare bildet: Muskeln und Knochen, Zähne und Fleisch, Lunge und Nieren. Schon das zeigt, dass es ihm nicht auf eine bestimmte Liste ankommt, sondern auf das Prinzip, dass nichts für sich allein arbeitet.
Und er setzt eine Warnung dazu:
„Die sechs Harmonien verführen dazu, Teile statt des Ganzen zu betonen — das schadet."
Darin liegt die ganze Haltung des Yiquan zu seinem Erbe. Die Paare sind ein Gerüst zum Lernen. Wer an ihnen hängen bleibt und Hand, Fuß, Ellbogen und Knie einzeln aufeinander abstimmt, verfehlt das Ziel. Das Ziel ist die ungeteilte Kraft des ganzen Körpers (Hun Yuan Li), in der es keine einzelnen Paare mehr gibt (Entmystifizierung).
Was die äußeren drei verlangen
Die äußeren Harmonien koordinieren den Rahmen des Körpers. Bewegt sich die Hand, folgt der Fuß; Ellbogen und Knie, Schulter und Hüfte arbeiten als Paare. Der Körper bewegt sich dadurch als Einheit, nicht als Folge einzelner Glieder.
Wer das prüfen will, achtet auf die Paare im Stand: Steht der Ellbogen über dem Knie oder weit daneben? Hebt sich die Schulter, während die Hüfte sinkt? Solche Brüche zeigen, wo der Rahmen noch nicht zusammenhängt.
Die Fassung der Familie
Wang Yufang, Wangs Tochter, macht aus den Harmonien eine Übung. In ihrer Reihe von 31 Formen trägt die Form „Hände heben" (举手式) die inneren und äußeren Harmonien ausdrücklich. Zwei Dinge fallen dabei auf.
Erstens nennt sie die inneren drei knapper: Herz, Absicht, Kraft (心·意·力). Das Qi als Zwischenglied fehlt. Die Kette führt direkt von der Absicht zur Kraft, ganz im Sinn des Yiquan.
Zweitens ergänzt sie die äußeren Harmonien um Federverbindungen, die man sich wie Gummibänder vorstellt (松紧带相联): kleiner Finger zu den Zehen, Ellbogenspitze zur Kniescheibe, Schulter zur Hüfte. So wird aus einer Koordinationsregel etwas, das man im Stand spüren kann.
Den Rahmen dafür bilden zwei weitere Merkregeln aus ihrer Anleitung. Die fünf Hälse (五个脖子): zwei Handgelenke, zwei Fußgelenke und der Nacken sollen gelöst und aufgerichtet sein. Und 三夹两顶, drei Klemmen und zwei Spitzen: Oberschenkelwurzel, Kniekehle und Knöchel schließen leicht nach innen, Kniescheibe und Zehen drücken nach vorn.
Was die inneren drei meinen
Die inneren Harmonien beschreiben die Reihenfolge im Kopf: erst die Absicht, dann das, was sie in Gang setzt, zuletzt die Kraft. Die Überlieferung spricht dabei von Qi. Im Yiquan ist damit weniger eine Lebensenergie gemeint als die Brücke zwischen Vorstellung und Körper, die sich im Training als Atem, Wärme und Spannung zeigt (→ Jin, Li und Qi). Wang Yufangs Kurzform ohne Qi zieht daraus die Konsequenz.
Übrig bleibt eine Regel, die das ganze Yiquan trägt: Die Absicht (Yi) führt, der Körper folgt.
Als Prüfstein
Bo Jiacong nennt die inneren und äußeren Harmonien beim Jian Wu, der freien Synthese aller Methoden, und zitiert dazu Wang: „全身之法相合谓之合" — wenn alle Methoden des ganzen Körpers zusammenstimmen, heißt das Harmonie. Die Harmonien dienen hier nicht als Übungsanweisung, sondern als Prüfung: Stimmt in einer freien, unvorhersehbaren Bewegung noch alles zusammen?
Drei Begriffe, die man auseinanderhalten muss
Im Yiquan gibt es drei Arten von „Verbindungen", die ähnlich klingen und leicht verwechselt werden:
- Die äußeren Harmonien (外三合) sind Koordinationspaare: Hand mit Fuß, Ellbogen mit Knie, Schulter mit Hüfte.
- Die inneren Verbindungen (身内争力) sind Gegenkraftpaare im Körper: Finger gegen Finger, Knie gegen Knie, vorderes Knie gegen hintere Hüfte.
- Die äußeren Verbindungen (身外争力) werden in die Ferne projiziert: Federn von der Hand zu einem fernen Baum.
Die Harmonien sagen, was zusammen gehen soll. Die Verbindungen sagen, was gegeneinander arbeitet.
Zwei Deutungen von außen
Mike Sigman, der aus der Taiji-Perspektive schreibt, setzt die Bewegung nach den Sechs Harmonien mit dem Seidenspinnen gleich (Chan Si Jin): ein Ganzkörperbewegen, das die Kraft des Bodens (Peng Jin) durch den verbundenen Körper leitet. Die äußeren Harmonien erklärt er über längs laufende Bindegewebsverbindungen (Faszien): Dreht sich der Ellbogen ein, antwortet das Knie derselben Seite fast gleichzeitig.
Peter Zhu widerspricht dieser Blickrichtung ausdrücklich. Auf das Bindegewebe angesprochen, antwortet er: „Ich sage einfach: ganzer Körper. Das Bindegewebe folgt dem schon." Nicht der Körper folgt den Geweben, sondern die Gewebe folgen der Ganzheit. Das ist genau Wangs Vorbehalt in anderer Sprache.
Das Yiquan übt keine sichtbare Seidenspinn-Choreografie. Den Grundgedanken teilt es mit beiden Deutungen: Der Körper ist verbunden, bevor er sich bewegt.
Nicht zu verwechseln
Die Sechs Harmonien sind nicht der Namensbestandteil der Kampfkunst Liu He Ba Fa (六合八法拳), die Wang in Shanghai kennenlernte. Beide Künste führen ein „六合" im Vokabular, meinen damit aber Verschiedenes.