Mittellinie 中线
Eine Linie vom Philtrum abwärts
Die Mittellinie (中线, zhōngxiàn) ist die senkrechte Linie, die vorn über die Körpermitte läuft. Ein Unterrichtsmitschnitt der Zhongyi Wuguan definiert sie ausdrücklich: „Was wir in der Kampfkunst Mittellinie nennen, ist die Linie vom Philtrum (人中) abwärts." Als Merkhilfe dient im Stand die Nase.
Am Boden hat die Linie eine Entsprechung: das Mittel-Tor (中门), den Raum zwischen den Füßen. Die alte Kampfkunstformel dazu lautet „脚踏中门夺地位" — „mit dem Fuß ins Mittel-Tor treten, die Stellung gewinnen". Wer mit dem Fuß zwischen die Füße des anderen gelangt, nimmt ihm den Stand; er kippt.
Und schließlich ist die Mittellinie eine Richtung im Raum. Derselbe Mitschnitt fragt: „Auf die Mittellinie zeigen — was heißt das? Auf ein fernes Ziel zeigen." Gemeint ist also weniger ein Strich auf dem Körper als ein Ziel, auf das die eigene Kraft ausgerichtet bleibt.
守中用中 — vier Zeichen
Yao Zongxun nennt die Mittellinie in seinem Sanshou-Kapitel als eines der Kampfprinzipien und fasst sie in vier Zeichen: 守中用中 — die Mitte schützen, die Mitte nutzen. Beides gehört zusammen. Die eigene Mittellinie ist zu decken, die des anderen ist das Ziel; wer die eine aufgibt, um die andere zu erreichen, hat nichts gewonnen. Es ist dieselbe Einheit von Angriff und Abwehr (攻守合一), die Yao ausdrücklich gegen das westliche Boxen abgrenzt, das beides trennt.
Der Gedanke ist älter als Yao. Schon Wang Xiangzhai spricht vom Schützen der eigenen und Erobern der fremden Mitte, und auch in Tangs Lehrbuch steht „die Mittellinie schützen und zum Angriff nutzen" unter den fünf Prinzipien des Kampftrainings.
Im Stand: die eigene Mitte
Lange bevor ein Partner dazukommt, ist die Mittellinie Maßstab der eigenen Ausrichtung. Im Hunyuan Zhuang gilt: Nase = Mittellinie, dazu 三点一线 — Kopf, vordere Hand und vorderer Fuß auf einer Linie.
Die Hände bleiben dabei nahe der Mitte. Im Pingtui-Shili liegen sie „höchstens zwei Handbreit" auseinander; Andrzej Kalisz lässt die Zeigefingerspitzen auf zwei parallelen Linien nahe der Mittellinie laufen und öffnet und schließt an Ellbogen und Unterarmen, nicht an den Fingern. Seine Begründung ist eine Kampfbegründung: Wer die Arme des Gegners weit öffnet, öffnet sich selbst.
Im Shili zeigt außerdem immer eine Hand zur Mitte. Drückt die rechte mit dem Handballen nach unten, zeigt die linke zur Mittellinie, und umgekehrt. Wang Xiangzhai verlangt Ähnliches schon für die vier Formen (Si Xing): stets einen Gegner vorstellen, die Finger zeigen auf dessen Mittellinie.
Der häufigste Fehler im Stand zeigt sich beim seitlichen Mo Jin: Die Arme arbeiten nach links und rechts, und die Nase wandert mit. Damit zerfällt 三点一线, und die Struktur, die die Kraft tragen soll, löst sich im Wechsel auf. Die Arme dürfen zur Seite arbeiten; die Nase bleibt, wo sie war.
Im Tuishou: die Mitte des anderen
Im Tuishou wird aus dem Bezug ein Ziel. Der Grundsatz des Mitschnitts lautet: „Die Hand muss die Mittellinie bedrohen" (手一定要威胁中线) — oben, unten oder seitlich. Auch die Hand, die außen liegt, behält ihre Richtung zum Körper des anderen, „mit Richtung und durchdringender Kraft". Und nicht nur die Hand: Kopf, Knie und Bein sollen ebenfalls „eine Bedrohung für die Mittellinie des anderen" sein. Die Mittellinie ist eine Sache des ganzen Körpers.
Darum ist das beidhändige Kreisen kein bloßes Händedrehen. Die Drehung erkundet, wo der andere fest und wo er leer ist, und hält die Hand dabei jederzeit bereit, auf seine Mitte Fa Li anzusetzen. Wer zur Seite wegrutscht, verliert dieses Bereitsein: Der Ellbogen wird flach, „es ist keine Angriffskraft mehr da". Wer den anderen zu weit aufreißt, lässt ihn hereinkommen.
Die Kraft wirkt dabei nicht im Kontaktpunkt, sondern durch ihn hindurch. Andrzej Kalisz sagt es so: „Wer nur an die Kraft im Kontaktpunkt denkt, kann das Zentrum und Gleichgewicht des Gegners nicht wirksam steuern. Durch diese Punkte schiebst du, aber eigentlich denkst du an sein Zentrum, seine Mittellinie." Unabhängig davon lehrt Peter Zhu in einer anderen Linie dasselbe. Hier hängt die Mittellinie eng am Hören der Kraft (→ Ting Jin): Gehört wird nicht nur Richtung und Stärke, sondern auch, wo die Mitte des anderen steht.
Im Fa Li und im Sanshou
Beim Fa Li zu zweit nennt der Mitschnitt drei Regeln, und die erste lautet: die Mittellinie halten — der häufigste Fehler überhaupt. Die beiden anderen: das vordere Knie nicht einknicken lassen und die Kraft aus dem hinteren Bein holen. Der vordere Fuß tritt dabei auf die Mittellinie des Partners, ins Mittel-Tor.
Im freien Kampf (Sanshou) stehen beide im Dingba Bu auf der Mittellinie, etwa anderthalb Schritte voneinander entfernt. Der Blick geht auf Augen oder Mittellinie des anderen, nicht auf seine Hände. Die Mittellinie wird mit Hand, Bein und Schritt bedroht. Zurück geht man nicht geradlinig, sondern zur Seite.
Mit dem Stock (Gun Fa) gilt dasselbe in verlängerter Form: Beim Hua Gan Fa Li gleitet die Stabspitze auf die Nase, also auf die Mittellinie des Gegners — „als ob der Stab mit dem Ziel verbunden wäre".
Bezug, keine Schiene
Leicht missverstanden wird die Mittellinie als Gerade, auf der man nach vorn drückt. Die Quellen sagen das Gegenteil. Kann man den anderen im Tuishou nicht niederdrücken, so der Mitschnitt, soll man die Kraft nicht steigern, sondern quer stellen: vorwärts und nach innen an ihn heranrücken, „zu seiner Mittellinie", mit einer Kraft nach vorn, nach innen und nach unten zugleich — „nicht einseitig".
Grundsätzlich warnt Wang Xiangzhai selbst, in Jan Diepersloots Übersetzung: Die Kraft dürfe keine einseitige Richtung haben, „sonst entsteht eine lineare Bewegung, die uns aus unserem Zentrum herausführt". Die Mittellinie ist der Bezug für eine allseitige Kraft (Hun Yuan Li) — wer nur geradeaus drückt, verlässt gerade dadurch seine Mitte.
Abgrenzung
- Keine Körperachse im anatomischen Sinn. Manche westliche Darstellungen nennen centerline die senkrechte Achse des Rumpfes, die zur Schwerkraft ausgerichtet wird. Das ist eine Frage der Struktur; die Mittellinie des Yiquan ist eine Frage der Richtung zwischen zwei Menschen.
- Kein Punkt. Ming Men und Dan Tian liegen auf der Körpermitte, sind aber Orte; die Mittellinie ist eine Linie und ein Ziel.