Sanshou 散手
Die Prüfung, nicht die Krönung
Sanshou (散手, auch Duan Shou, „brechende Hände") ist der freie Kampf: die Stufe, auf der alles zuvor Gelernte in einer echten Auseinandersetzung angewendet wird. Yao Chengguang beschreibt sie ausdrücklich als Prüfstand, nicht als Ziel:
„San Shou ist die Zusammenfassung jedes Aspekts des Boxtrainings. Es prüft direkt, wie geschlossen und wie gehaltvoll das Können ist. San Shou ist auch die ursprünglichste Form des Kampfes zwischen zwei Kontrahenten mit bloßen Händen."
Fünf Kennzeichen
- Innen und Außen untrennbar — Kraft und Geist werden mit Technik und Form zusammen trainiert, nicht nacheinander.
- Hohe mentale Stimulation — Ganzkörperbewusstsein; Geist und Körper als Einheit.
- Umfassendes Techniksystem — jeder Körperteil ist Waffe, alle Distanzen sind abgedeckt.
- Einfach und wendig — keine komplexen Formen, direkte Anwendung.
- Schlagen und Schieben integriert — die Sensibilität aus Tuishou und die Explosivität des Sanshou sind nicht zu trennen.
Die Sieben-Punkte-Formel
„Kopf erschüttert den Gegner, Hände schlagen den Gegner, Körper stößt den Gegner, Schritte überholen den Gegner, Füße treten den Gegner, Geist bedroht den Gegner, Qi überwältigt den Gegner."
Bemerkenswert daran ist, was fehlt: eine Technikliste. Die Formel zählt Körperteile und Wirkweisen auf, nicht Bewegungen — konsequent für ein System, das ohne feste Formen auskommt.
Dazu die Regel, die Angriff und Deckung zusammenzieht: 打即顾,顾即打 — Schlagen ist zugleich Decken.
Der Weg dorthin
Sanshou steht nicht am Anfang des Partnertrainings, sondern am Ende einer Kette von Brückenübungen: Schlagen im Lauf (跑步拳), Tritt-Kraftentfaltung mit Partner-Drill, Pratzentraining als Test der Schlagkraft am Ziel, Sandsackarbeit — und, oft übersehen, Yao Zongxuns Augentraining. Erst dann der Freikampf.
Der Rahmen lenkt um
Unterrichtsmitschnitte der Zhongyi Wuguan machen den Kampfrahmen (肩架) erstaunlich konkret. Er ist nichts anderes als der gewohnte Stand im Dingba Bu: „nicht zu tief, sonst ist der Kopf offen, nicht zu hoch, sonst ist er leer". Der Abstand zum Gegner beträgt etwa anderthalb Schritte. Der Rahmen ist dabei mehr als Deckung: „Äußerlich Angriff und Deckung — zugleich ändert er im Augenblick die Kraftrichtung des Gegners." Wer zurückweicht, geht zur Seite, nicht geradlinig nach hinten. Der Schlag selbst soll „kalt und knapp" sein (冷脆) und durchschlagen. Und: „Es heißt nicht, dass nur die Faust trifft" — ein kurzes Anstoßen kann den anderen schon kontrollieren, bevor die Kraft abgegeben wird.