Atmung
Ein Prinzip, keine Technik
Viele Übungssysteme beginnen mit einer Atemtechnik: zählen, verlängern, anhalten, den Atem durch den Körper führen. Yiquan tut das bewusst nicht. Die Grundregel ist eine einzige: natürlich atmen, durch die Nase, gleichmäßig und lautlos. Der Atem wird nicht verlängert und nicht angehalten. Was sich mit der Zeit an ihm verändert, ist eine Folge des Übens, kein Übungsziel.
Das ist mehr als eine Vereinfachung. Wenn im Yiquan von Qi die Rede ist, meint Wang Xiangzhai damit vor allem den Atem: „Wenn wir über Qi sprechen, muss man wissen, dass es um das Atmen geht." Die Frage, wie man Qi „kultiviert", wird so zu der Frage, wie man den Atem nicht stört.
Wang Xiangzhai: von der Atemübung zur natürlichen Atmung
1928 beschreibt Wang noch die traditionelle Übung: langes Ausatmen, kurzes Einatmen durch die Nase, das Qi im Kreislauf. Schon hier steht aber die Kritik, die bleiben wird. Wer mit grober Kraft übt, reißt die Augen auf, stampft auf, hält zuerst den Atem an und setzt dann erst die Kraft ein; danach folgt ein langer Seufzer durch den Mund. So schade man der eigenen Lebenskraft.
1939 nimmt Wang die Atemübung zurück. Drei Übel nennt er beim Üben: forciertes Atmen, ungeschickte Kraft und das Herausdrücken von Brust und Bauch. Beide verbreiteten Moden lehnt er ab, das Pumpen mit der Brust ebenso wie das Senken des Qi in den Unterbauch; beides lasse das Qi stocken, statt den ganzen Körper zu erfüllen. Sein Satz dazu ist kurz: Qi zu heben ist ein Fehler, Qi zu senken aber auch. Wer das Senken anstrebt, wird unnatürlich. Das Prinzip ist die natürliche Atmung, ohne Eile und ohne Anstrengung des Willens, „so dass man beim Atmen nicht merkt, dass man atmet". Ein großer Bauch, fügt er hinzu, ist kein Zeichen der Meisterschaft.
Wang geht noch weiter: Neben der Nasenatmung gibt es eine Hautatmung. Die Poren öffnen sich, der ganze Körper atmet im Einklang mit der Nase — „die Nasenatmung ist ruhig, die Hautatmung gleichmäßig". Mehr Raum für die Lunge entsteht nicht durch eine gespannte Brust, sondern durch gesenkte Schultern und eine leere Brust.
In den 1940er Jahren heißt es nur noch: Im Stand werde der Atem „gleichmäßig und ruhig". Er gehört zu dem, was das Stehen von selbst ordnet, neben Nervensystem und Muskulatur.
Die Familie und die Gesundheitsstände
Wangs Familie gibt die Regel unverändert weiter. Seine Tochter Wang Yu Fang verlangt natürliche Atmung und lehnt das Festhalten im Dan Tian ab. Ihr Sohn Jin Tonghua sagt, natürliche Atmung genüge, und fragt zurück, welches Tier beim Schlafen ans Atmen denke. In den Gesundheitsständen heißt es: 不讲求调息 — keine Regulierung des Atems; dazu 精神集中,周身放松,呼吸自然: der Geist gesammelt, der Körper gelöst, der Atem natürlich.
Was sich im Stand von selbst verändert
Wer regelmäßig steht, bemerkt die Veränderung ohne Zutun. Zuerst ist der Atem einfach frei. Mit der Übungszeit wird er tiefer, ruhiger und gleichmäßiger und sinkt in den Bauch; manche Texte nennen das „Qi sinkt zum Dan Tian". Das ist eine Beschreibung, keine Anweisung. Am Ende steht, was Wang meint: Der Atem wird so mühelos, dass man ihn vergisst. Ein Bild dafür ist die Meeresschildkröte, die langsam und ruhig in der Tiefe schwimmt.
Ein Unterschied zum gewöhnlichen Krafttraining ergibt sich daraus von selbst: Im Zhan Zhuang wird der Atem nie angehalten, auch wenn die Beine brennen. Gerade dort, wo es anstrengend wird, ist das Anhalten der erste Reflex — und die erste Stelle, an der man ihn bemerken und lassen kann.
Der Atem in der Kraft
Dass der Atem nicht geführt wird, heißt nicht, dass er für die Kraft keine Rolle spielt. Wang zählt in seinem Spättext über die vier Formen die Kraft des Zwerchfells zu den inneren Kräften und nennt sie 呼吸弹力, „Atem-Federkraft". Die Wirkung der Hun Yuan Li im Kampf hänge ganz an ihr; er fasst es in zwei Versen: 吐纳灵源合宇宙 — Ein- und Ausatmen verbinden die Quelle mit dem Kosmos — und 喊声叱咤走风云, der Schrei treibt Wind und Wolken. Die Warnung folgt im selben Satz: Sobald sich das Zwerchfell verkrampft, ist es falsch.
Geübt wird diese Seite des Atems nicht im Stand, sondern im Shi Sheng, dem Prüfen der Stimme. Wang nennt es eine Ergänzung des Shili „über den Atem" und gibt ihm zwei weitere Namen: innere Atmung oder Rücken-Bauch-Atmung. Im Fa Li zeigt sich dasselbe: Der Unterbauch ist im Ruhezustand „locker rund" und wird nur im Moment der Kraftabgabe „fest rund". Auch dann wird nichts gepresst.
Ohne Mystik: warum gerade der Atem
Der Atem ist die einzige lebenswichtige Funktion, die man auch willkürlich beeinflussen kann. Die Lunge wird vom bewussten Nervensystem und vom vegetativen Nervensystem zugleich gesteuert. Beim Einatmen steigt der Puls, beim Ausatmen sinkt er wieder; diese Schwankung gilt als Zeichen der beruhigenden, parasympathischen Seite. Deshalb vertieft ein ruhiges Ausatmen die Entspannung, und deshalb ist der Atem in fast jeder Entspannungsmethode der Hebel.
Yiquan nutzt diesen Hebel auf die zurückhaltende Art. Es setzt beim Stand, bei der Haltung und bei der Vorstellung an und lässt den Atem folgen. Der Wechsel zur Ruhe geschieht dabei, wie überall im vegetativen System, eher durch Wegnahme als durch Zuschaltung: nicht mehr tun, sondern weniger stören.
Andere Lesarten
In den inneren Kampfkünsten außerhalb des Yiquan ist die Umkehratmung verbreitet: Beim Einatmen zieht der Unterbauch ein, beim Ausatmen weitet er sich. Sie soll Innendruck aufbauen und Öffnen und Schließen an den Atem koppeln. Diese Schulen unterscheiden die normale Atmung des Erwachsenen, flach in der Brust, von der natürlichen Atmung des Säuglings, in der Bauch und Wirbelsäule mitatmen, und lehren die Umkehratmung erst nach dieser natürlichen Stufe, mit dem Hinweis, sie nicht müde oder krank zu üben. Qigong-Lesarten machen die Atemlenkung zum Kern. Beides ist Lehre anderer Systeme, nicht Yiquan. Die Unterscheidung zwischen verkümmerter und natürlicher Atmung trifft sich allerdings mit Wangs Befund: Was „natürlich" ist, muss man oft erst wiederfinden.
Typische Fehler
1. Den Atem anhalten, sobald es anstrengend wird — im Stand, im Shili, beim Kraftausstoß. 2. Brust oder Bauch herausdrücken, um tief zu atmen oder „etwas zu spüren". 3. Den Atem führen, zählen, verlängern oder das Qi bewusst senken wollen. 4. Durch den Mund atmen; Wang besteht auf der Nase, die den Atem „führt". 5. Das Zwerchfell festmachen, besonders beim Shi Sheng und im Fa Li.