Den höchsten Zustand des Stehens beschreibt Wang Xiangzhai nicht mit Begriffen, sondern mit vier Bildern: der Körper wie gegossen, wie mit Blei gefüllt, die Muskeln wie ein einziger, die Haare wie Hellebarden. Erst wer alle vier zugleich spürt, kann nach Wang überhaupt „von Faust sprechen".
Wang Xiangzhai describes the highest state of standing not in concepts but in four images: the body as if cast, as if filled with lead, the muscles as one, the hair like halberds. Only someone who feels all four at once can, in Wang’s words, “speak of the fist” at all.
Si Ru Jing Jie ist die dritte und höchste der drei Stufen des Zhan Zhuang. Wang Xiangzhai beschreibt sie in seinem Spätessay über das Stehen und die vier Formen. Er definiert den Zustand nicht durch eine Haltung, sondern durch das, was man in ihr spürt: vier Kriterien der Wahrnehmung, jedes als Gleichnis gefasst.
Si Ru Jing Jie is the third and highest of the three levels of Zhan Zhuang. Wang Xiangzhai describes it in his late essay on standing and the four forms. He defines the state not by a posture but by what one feels in it: four criteria of perception, each put as a likeness.
Die Zahl der Gleichnisse.
The number of likenesses.
Das Vergleichswort. Jedes der vier Bilder ist ein „Ru": der Körper wie etwas.
The word of comparison. Each of the four images is a “ru”: the body like something.
Aus Jing (Grenze, Situation) und Jie (Bereich, Reich): ein erreichter Zustand, eine Stufe.
From jing (boundary, situation) and jie (domain, realm): a state attained, a level.
„Erst wenn das Stehen den Zustand erreicht, in dem der Körper ganz wie gegossen ist, der Leib wie mit Blei gefüllt, die Muskeln wie eins und die Haare wie Hellebarden, kann man von Faust sprechen."
“Only when standing reaches the state in which the whole body is as if cast, the body as if filled with lead, the muscles as one and the hair like halberds can one speak of the fist.”
— Wang Xiangzhai, „Über das Stehen und die vier Formen", in: Wang Yufang, Yiquan Quanxue— Wang Xiangzhai, “On standing and the four forms”, in: Wang Yufang, Yiquan QuanxueJedes Bild greift eine andere Seite desselben Körpers. Tippe ein Gleichnis an.
Each image takes hold of a different side of the same body. Tap a likeness.
Die vier Gleichnisse sehen aus wie eine Liste, sind aber keine. Sie schließen einander ein, überschneiden sich teilweise und bestehen gleichzeitig. Man soll sie beim Üben zunehmend fühlen, nicht der Reihe nach erledigen.
The four likenesses look like a list, but they are not one. They include one another, overlap in part and hold at the same time. In practice one is meant to feel them more and more, not to tick them off in turn.
Erst schwer werden, dann gegossen, dann vernetzt, dann wach — vier Häkchen, eins nach dem anderen. So zerfällt der Zustand wieder in Teile, und jedes Bild wird für sich falsch: Blei ohne Leichtigkeit ist Absacken, Guss ohne Lebendigkeit ist Mechanik.
First become heavy, then cast, then networked, then awake — four ticks, one after another. That way the state falls apart into pieces again, and each image goes wrong on its own: lead without lightness is sagging, casting without liveliness is mechanism.
Vier Seiten eines einzigen Zustands. Die Schwere bleibt leicht und lebendig, die Gussform bleibt beweglich, das Netz trägt die Schwere, die Wachheit sitzt in all dem. Wang nennt die vier stets in einem Atemzug, nie als Folge.
Four sides of a single state. The heaviness stays light and alive, the casting stays mobile, the network carries the heaviness, the alertness sits in all of it. Wang always names the four in one breath, never as a sequence.
Wang beschreibt jede Stufe zweifach: was im Kopf geschieht und was im Körper. Die Gleichnisse kündigen sich lange vorher an. Das Bleigefühl taucht schon auf der ersten Stufe auf, das Aufrichten der Haare auf der zweiten. Erst auf der dritten kommt alles zusammen.
Wang describes every level twice over: what happens in the mind and what happens in the body. The likenesses announce themselves long before. The feeling of lead already turns up at the first level, the hair rising at the second. Only at the third does everything come together.
Nach etwa hundert Tagen erstes Spüren. Nach drei, vier Jahren schwellen die Glieder, Hände und Füße werden heiß, es entsteht das Gefühl, mit Blei gefüllt zu sein — auf den Yin-Seiten der Glieder leichter und schneller als auf den Yang-Seiten.
After about a hundred days, the first sensation. After three or four years the limbs swell, hands and feet grow hot, and the feeling of being filled with lead appears — more easily and sooner on the yin sides of the limbs than on the yang sides.
Erst wenn beide Seiten es haben, kann man beginnen, Gongfu zu lernen.
Only when both sides have it can one begin to learn gongfu.
Nach fünf, sechs Jahren schwellen die Ohren, im Nasenrücken pocht es, der Nacken richtet sich auf wie von sechs Seilen gehalten. Die Kopfhaut spannt, Bart und Haar heben sich, als drücke ein großer Stein auf den Kopf.
After five or six years the ears swell, something drums inside the bridge of the nose, the neck straightens as if held by six ropes. The scalp tightens, beard and hair rise, as though a great stone were pressing on the head.
Die Kraft kommt aber noch mechanisch aus den Endgliedern, nicht aus Lende und Wirbelsäule.
But the force still comes mechanically from the extremities, not from the loins and spine.
Nach etwa zehn Jahren schwellen Lende und Wirbelsäule. Der Körper ist wie gegossen, wie mit Blei gefüllt, die Muskeln wie eins. Das Gehen ist wie Waten durch Schlamm, der Rücken fest wie beim Ochsen.
After about ten years the loins and spine swell. The body is as if cast, as if filled with lead, the muscles as one. Walking is like wading through mud, the back as firm as an ox’s.
Die ausgesandte Kraft ist jetzt gleichmäßig und ganz: „Die Grundlage für den Kampf ist bereit."
The force sent out is now even and whole: “The groundwork for fighting is ready.”
„Die genannten Jahre beruhen alle auf meiner eigenen Erfahrung. Beim Übenden können sie etwas länger oder etwas kürzer sein, je nach Begabung und Mühe."
“The years given here all rest on my own experience. For the student they may be somewhat longer or somewhat shorter, depending on talent and effort.”
— Wang Xiangzhai, ebd. Er zitiert dazu: „Erfolg ist zu drei Teilen Begabung, zu sieben Teilen Fleiß."— Wang Xiangzhai, ibid. He adds the saying: “Success is three parts talent, seven parts diligence.”Das vierte Gleichnis, die Haare wie Hellebarden, steht nicht in der Beschreibung der dritten Stufe. Wang nennt es erst im folgenden Kapitel über die vier Formen, dort zusammen mit den drei anderen. Die Dreiteilung selbst entlehnt er dem Gelehrten Wang Guowei; dessen erste zwei Leitverse („den Weg bis an den Horizont überblicken", „kein Bereuen") ordnet er in umgekehrter Reihenfolge zu.
The fourth likeness, the hair like halberds, does not appear in the description of the third level. Wang names it only in the following chapter on the four forms, there together with the other three. The threefold division itself he borrows from the scholar Wang Guowei; he assigns Wang Guowei’s first two guiding lines (“gazing down the road to the horizon”, “no regret”) in reverse order.
Si Ru Jing Jie ist kein Endpunkt, sondern eine Schwelle. In diesem Zustand ist die innere Kraft vorhanden. Was fehlt, ist der Weg nach außen, und den liefern die vier Formen.
Si Ru Jing Jie is not an end point but a threshold. In this state the inner force is present. What is missing is the way out, and the four forms supply it.
Drei Stufen des Stehens, rund zehn Jahre nach Wangs eigener Angabe. Stehen soll zwei Drittel der Übungszeit ausmachen, Shili ein Drittel.
Three levels of standing, around ten years by Wang’s own account. Standing should take two thirds of practice time, Shili one third.
„Die innere Kraft ist vorhanden." In diesem Zustand entsteht die Ganzkörper-Gegenkraft, Hunyuan Zheng Li (→ Zheng Li, Hun Yuan Li).
“The inner force is present.” In this state the whole-body contending force arises, Hunyuan Zheng Li (→ Zheng Li, Hun Yuan Li).
Wellen schlagen, schwimmender Drache, weißer Kranich, erschreckte Schlange: die Formen, die innere Kraft als äußere freisetzen. Den Zustand dürfen sie dabei nie verlieren.
Beating the waves, swimming dragon, white crane, startled snake: the forms that set the inner force free as outer force. They must never lose the state while doing so.
„Die Kraft wird im Körperinneren genährt und entlädt sich nach außen über die Form."
“Force is nourished inside the body and bursts out through the frame.”
— Wang Xiangzhai, ebd.— Wang Xiangzhai, ibid.„Wer den Zustand der vier Gleichnisse nicht erreicht, bringt das Bild des Tanzes kaum hervor. Tanzt er doch, ist es dann nicht bloß ein Schwenken der Glieder?"
“Whoever has not reached the state of the four likenesses can hardly bring forth the image of the dance. And if he dances anyway, is it then anything more than swinging the limbs?”
— ebd., über den Jian Wu, den Tanz der vier Formen— ibid., on Jian Wu, the dance of the four formsBelegt aus Wangs Essay „Über das Stehen und die vier Formen" (Primärtext bei Wang Yufang, Yiquan Quanxue). Die Ausführung zu Blei und Guss (Fließen nach unten, Verdichtung nach innen, Dampflok, Uhrwerk) stammt aus Lehrnotizen des Kurators. Zum dritten Gleichnis sagen die Quellen wenig.
Drawn from Wang’s essay “On standing and the four forms” (primary text in Wang Yufang, Yiquan Quanxue). The elaboration of lead and casting (flowing downward, condensing inward, steam locomotive, clockwork) comes from the curator’s teaching notes. The sources say little about the third likeness.
Nicht vier Ziele, sondern ein Körper, der auf vier Arten beschrieben wird.
Not four goals, but one body described in four ways.